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VERHEISSUNGoder Ein Weihnachtsmarkt |
| Glück
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Auch wenn die Tage sehr kurz sind, gibt es Orte des Vergnügens in meiner Stadt. Dafür liebe ich meine Stadt, aber besonders ihre gut angezogenen Bürger, die sich immer angemessen zu benehmen wissen, weil das Glück sie hierher verschlagen hat. |
| Ich |
Nehmen wir zum Beispiel den Weihnachtsmarkt: Ich kann mir vorstellen, wie die Bürger in Gruppen oder einzeln die Buden entlang hangeln. Die Einkäufe vom Samstag liegen wohl noch in den Knochen und lassen keine größere Aufregung zu. Vielleicht deshalb diese gelöste, gleichmäßige Heiterkeit. Ihre Gesichter strahlen - doch das läßt sich nicht feststellen, denn es ist ja schon dunkel. Mit abwesendem Ausdruck blickt ein bronzener Beethoven von seinem Sockel herab, fast unsichtbar und wenig bemerkt inmitten der vielen Lichter und Giebel der Holzhäuschen. Auch wir würden achtlos an ihm vorbei schlendern und ihn nicht bei seiner Betrachtung stören. Die sich da auf dem Markt ihren wohlverdienten Glühwein gönnen (nur einen einzigen bitte, und nicht mehr, denn es geht ja um das Vergnügen), haben es geschafft: Sie können sich entspannen, weil sie im Besitz eines Parkplatzes sind. |
| Asphalt | An einem Abend wie heute wären die Straßen bis zu diesem Ziel zwar feucht, aber wir würden sicherstellen, daß die Sicht durch die Windschutzscheibe klar" ist, wie von der Straßenwacht erwünscht. Bogenlampen säumen den Asphalt und streuen diffuses Licht über die Kolonne der Wagen. Voraus die Parkhauseinfahrt, erahnbar schon am Rückstau der PKW. |
| Sport Mercedes |
Heute gibt es keine Aufregung und keine waghalsigen Manöver. Man kennt die Regeln des Verkehrs und kann sich auf sie verlassen. Wie bei Sportlern nach dem Wettkampf haben jetzt Höflichkeit und entspanntes Laisser Faire ihre Stunde: Keine Spurwechsel, denn schon lange ist allen Fahrern das Ziel bekannt. Früh und besonnen haben sie reagiert, als es schon in der Nähe des Bahnhofs zu unerwartet heftiger Straßenbenutzung kam. Sie drosselten die starken Motoren und belegten auch den Fahrer des falsch parkenden Mercedes nicht mit Flüchen. |
| Haar | Im Wagen vor uns könnte ein junges Paar sitzen und wir würden sehen, wie sich der Mann am Steuer mit der Hand durch sein volles, noch von keiner Alterung reduziertes Haar fährt. In seinem Rückspiegel blitzen die Augen auf, doch der Moment ist zu kurz, um einen Eindruck von seinem Gesicht zu gewinnen. |
| Licht |
Die linke Kolonne greift rascher voraus in den vermuteten Engpaß. Schwanengleich gleiten im schummrigen Licht die weißen Limousinen an unserer Seitenscheibe vorbei. Elegant folgen die Wagen der sanften Rechtskurve und ihre Rücklichter ergänzen sich zu einer huschenden Kette aus Glanz und Bewegung. Das Motorengeräusch nähmen wir nicht wahr, dafür umso deutlicher die unterschiedliche Beflaggung der Fahrzeuge. Es herrscht kein Konkurrenzkampf heute, denn wir befinden uns in unserer Freizeit. Also auch kein Glaubenskrieg. Buchalterisch könnten wir festhalten: Man glaubt an Europa, auch Deutschland wird dezent betont mit bekannter Dreifarbigkeit. Nicht ausgegrenzt davon sind zuweilen auch ausländische Fahnen in Form von Plastikaufklebern zitiert: Auf wieder Europa folgen die Niederlande, seltener Polen, Ungarn. Es gibt auch die Kompromisse: Deutschland, daneben ein anderes Land und wieder Europa. Veraltet, dafür aber einprägsam sind die Bekenntnisse zu meiner Stadt. Jetzt sind sie verblaßter als die frischen Farben der Flaggen, aber sie schmücken noch immer manches gestanzte Blech eines Kofferraums. |
| Stadthaus Glück |
Die Prozession der Gefährte kommt jetzt auch in der rechten Spur in Bewegung. Nebenbei bemerkt: Dem Architekten des Stadthauses ist es gelungen, bei der Plazierung der Lampen die vertrauliche Unverbindlichkeit des Gebäudes fortzusetzen. Sie gruppieren sich nämlich, würde man sich vom Bahnhof nähern, zu einer Formation, die entfernt an ein Wäldchen erinnert. Kämen wir unter ihr Licht, spannte sich alsbald die Betonbrücke des Stadthauses mit den markanten Treppenaufgängen. Einem Königsmantel gleich umschließt die Anlage den endlosen Strom der Fahrzeuge. Ihre traulichen Nischen werden sorgsam immer wieder neu mit Efeu bepflanzt, um dann doch als Wohnung für eine Nacht von Bürgern in Besitz genommen zu werden, die kein Glück in diese Stadt verschlagen hat. |
| Zurück an den Anfang | Heute ist niemand dort zu sehen - jedenfalls können wir nicht genauer nachschauen, denn es ist besser, sich wieder auf den Vordermann zu konzentrieren. Seine Schlußlichter warnen uns in grellerem Rot, die vorsichtige Beschleunigung abzubrechen. Beim nächsten Lichterwechsel wüßten wir uns zugehörig zu den Glücklichen: Dann würde der Weg frei sein und wir könnten uns gegen geringes Entgelt unsres Wagens entledigen für eine Stunde oder zwei. |
© Lucie Prinz, Bonn 1996