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GLÜCKoder Mit dem Fahrer darf während der Fahrt nicht gesprochen werden |
| Himmel | Daß die Straßenbahn nicht wartet - eine Selbstverständlichkeit, und Eile wäre angebracht an solchen Tagen. Doch wenn die Sonne nicht zu sehen ist, was treibt mich an? Der Himmel - immer ein Gleichnis (und wir sind ja süchtig nach Gleichnissen) - grau, unbestimmt. Nur um seinen Raum ist es mir zu tun, sonst verdiente er keine Erwähnung. Aber das Haus ist umschlossen vom Himmel, in ihm sind Bäume eingebettet, sie heben sich nicht ab, sondern opfern ihre Kontur diesem lichten Grau. |
Der Weg zur Haltestelle ist ohne Bewußtsein: Lose verbundene Häuserreihen, schon leer, aufgegeben, sich selbst überlassen den langen Tag. Das Besitzrecht lockert sich, wenn die Bewohner fehlen und läßt neugierige Blicke zu, die schamlos über die Bilder und Bücher streifen, sich kurz an fremden Lampenschirmen vergreifen um dann doch gelangweilt weiter zu ziehen. Kein Betrieb im Lebensmittelladen, die Kassiererin ordnunghalber an ihrem Platz. | |
Es kommt Unruhe auf, das könnte die 30 Sekunden zu spät bedeuten, die ich mich auf den Weg gemacht habe. Die Schwelle zum leichten Trab ist jedenfalls auf den letzten 50 Metern bis zum Ziel überwunden. Doch wunschgemäß erreicht die Bahn mit mir zugleich die Haltestelle. Diszipliniertes Verständigen unter den Passagieren, kein Übergriff auf sorgsam gehütetes Refugium: Man verteilt sich ohne Reibung auf die freien Plätze. Die Bahn dünstet gerade ausgestandene Lasten aus - Spitzenbelastung zwischen 7.45 und 8.45. | |
Doch um 9 Uhr ist die Auswahl an Sitzen wieder groß: Plastikbezüge, die vor kurzer Zeit in ihre ursprüngliche Form zurückschwellen durften, warten auf neue Gäste. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich zu verhalten: Zeitung lesen? Aus dem Fenster schauen oder Fahrgäste mustern? Der Ruck, mit dem die Bahn sich in Bewegung setzt, ist das Startzeichen für die Gäste: Treiben sie insgeheim diese Bahn mit an, indem sie sich nicht wundern, daß sie dann erscheint, wenn sie es erwarten und losfährt auf ihren Schienen? Daß sie berechenbar nicht ausbricht und voraussagbare Haltepunkte ansteuert? Hier wundert sich niemand, mit Überzeugung wird die nächste Haltestelle erwartet, der Umstieg auf die Eisenbahn vorbereitet. Es gibt keine Zeichen von Eroberung, kein Auspacken von Butterbrot oder Strickzeug, es wird sich hier nicht eingerichtet. Nur Gäste sind wir, die keinen Gastgeber haben, dem wir Freundlichkeit entgegenbringen müßten: MIT DEM FAHRER DARF WÄHREND DER FAHRT NICHT GESPROCHEN WERDEN. | |
| Signal | Schöner ist es, auch eingeweiht zu sein in die Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Halte- und Fahrtsignale, die den Beruf des Fahrens regulieren. Separiert in einem eigenen Abteil, der Fahrer. Nur sein Rücken und ein Bein, in grauer Tuchhose, lassen sich vom Fahrgastraum aus erkennen. Auch in dieser Kabine keine Zeichen von Bewohntheit: Er muß den Führerstand mit anderen teilen und auch er hat keinen Anteil am Besitz der Straßenbahn. Unser Gastgeber also nur gemietet. |
| Mercedes | Doch das Unternehmen der gemeinsamen Fahrt lassen wir uns nicht nehmen: Schafft es der Fahrer, die Bahn rechtzeitig vor dem Fußgängerüberweg zu stoppen? Ist sie langsam genug für die Kurve hinter dem nächsten Haltepunkt? Wie lange müssen wir auf den Fahrer des Mercedes warten, der seinen Wagen nicht weit genug in die Parkbucht hinein hat ausrollen lassen? Spricht der Fahrer beim erzwungenen Halt auf freier Strecke über Funk mit einer Zentrale oder mit der Polizei? Ist auch Zeit für ein privates Wort, einen Scherz - wenigstens über Funk und um die Wartezeit zu verkürzen? |
| Asphalt | Das schönste aber sind die blanken Gleise, die der Fahrer nicht immer mit seiner Schulter verdecken kann: Sie zeichnen den genauen Weg vor, liegen aufgeräumt bereit, sich von der massigen Maschine fressen zu lassen. Und es gibt die Abzweigungen, Kurven die von dieser Linie nicht befahren werden. Wege, eingesenkt in Asphalt, die fremdes Gebiet, unbekannte Haltestellen versprechen: BETRIEBSBAHNHOF, Gelände, daß sich nicht erkunden läßt, dem Blick nur aus der Perspektive des Vorbeifahrens geläufig. |
| Stadthaus Licht |
Unsere Bahn kommt von ihrem Weg nicht ab. Kontrolle ist jederzeit möglich, auf dem Liniennetzplan ist zu lesen: auf STADTHAUS folgt HAUPTBAHNHOF, doch zuvor taucht die Bahn in den Untergrund. Hinter anwachsenden Betonwänden versinkt der noch immer zum Stillstand verurteilte Autoverkehr, auch das lebendige Leben: Für kurze Zeit sind wir Eingeschlossene in einem Raumschiff, das in unbekanntes Dunkel rast. Unser Gastgeber möchte uns nicht im Stich lassen, denn Neonlicht flackert kurz um dann doch beständig den Innenraum zu beleuchten. Auch die Stromkabel sind damit noch auszumachen, in Wellen peitschen sie die Tunnelwände. Das Kreischen der schweren Räder scheint lauter und schriller in dieser Nacht, die nur unterbrochen wird von einsamen Laternen, die von Zeit zu Zeit die Fluchtwege markieren. Es scheint mir, als ob der Fahrer die Geschwindigkeit erhöht, als ob es ihm wachsende Freude mache, immer schneller und schneller in das Dunkel vorzustoßen, die Schienen nur spärlich beleuchtet vor sich zu sehen, das Ziel im Ungewissen lassend. |
| Himmel Zurück an den Anfang |
NÄCHSTER HALT: HAUPTBAHNHOF, ENDSTATION, ALLE FAHRGÄSTE BITTE AUSSTEIGEN, läßt er sich unversehens vernehmen. Auf dem Bahnsteig, noch auf der Treppe hinauf zum Tageslicht bin ich von meiner täglichen Fahrt benommen und zugleich froh und traurig, in den Himmel atmen zu dürfen. |
© Lucie Prinz, Bonn 1996