Zurück zur Übersicht Logo Experiment

Der Prozeß

Eine Zukurzgeschichte von Titus Simon
Ich habe abgedrückt, aus nächster Nähe. Ein guter Anwalt würde mich rausboxen, eine klare Affekttat. Aber ich bin geständig, ich hatte es lange schon vorher geplant. Niederträchtig, hinterhältig und mit Vorsatz. Und ich würde es wieder tun, immer wieder, Nacht für Nacht.
"Wer ähnliche
Erfahrungen gemacht hat
wie ich, wer erlitten hat,
was ich erdulden mußte,
wird mir seine volle
Sympathie entgegen
bringen."
Ein Psychologe könnte vielleicht helfen. Ein geringeres Strafmaß wäre bestimmt drin. Die öffentliche Meinung stünde sowieso hinter mir, wie ein Mensch. Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich, wer erlitten hat, was ich erdulden mußte, wird mir seine volle Sympathie entgegen bringen. Ich sehe einen verständigen Richter, einen einfühlsamen Staatsanwalt, eine Zuschauermenge, die vor Mitgefühl tobt, so daß der Saal geräumt werden muß. Der Anwalt muß gar nicht viel tun, denn eigentlich bin ich der Anwalt. Stellvertretend für alle Gleichgesinnten, die nur den Mut nicht hatten, zu tun, was ich getan habe.
"Für die
Teleshopping-Anbieter
werde ich das Sinnbild
des Jobkillers sein, der
Konjunkturbremser
schlechthin."
Sorgen bereiten mir jedoch die möglichen Nebenkläger. Auch wenn sie die Öffentlichkeit nicht auf Ihrer Seite haben, werden sie versuchen, mir die Hölle heiß zu machen. Sie werden ein Exempel statuieren wollen. Die Sensationsreporter der Fernsehsender werden sich wie Hyänen auf mich stürzen. Werbeagenturen werden mein Handeln öffentlich brandmarken. Für die Teleshopping-Anbieter werde ich das Sinnbild des Jobkillers sein, der Konjunkturbremser schlechthin.
Und das alles nur, weil ich es nicht mehr ertragen kann, daß mir Abends alle paar Minuten jemand eine Nulleinhundertneunzig-Telefonnummer vorsingt, statt mir einen Spielfilm zu zeigen, den ich noch nicht gesehen habe; daß mir jemand, den ich nicht darum gebeten habe, mir sein persönlichstes, frei erfundenes Leid klagt, statt über das Leben wirklicher Menschen zu berichten; daß Horden von Leuten, die nichts zu sagen haben, durcheinander reden, und das Talkshow nennen, statt sich selbst zu fragen, warum sie nicht diskutieren können.
Mir ist völlig gleichgültig, ob das neue Pisel, das beste ist, daß es je gab (war das alte denn so schlecht?). Es interessiert mich nicht mehr, ob jemand Depressionen hat, weil er seinen Pudel gefressen hat. Es ist mir egal, ob die neuen Hyprapubs die Verdauung meiner Waschmaschine beschleunigen. Und die Geheimnisse blutjunger Nonnen, die unter folgender mindergebührenfreier Rufnummer auf mich lauern, lassen mich völlig kalt.
"Immer wenn ich
surfe, liegt die abgesägte
Schrotflinte gleich
zur Hand."
Denn ich habe abgedrückt, aus nächster Nähe. Nicht mit der Fernbedienung. Mit einer abgesägten Schrotflinte. Mit Vorsatz. Und ich würde es wieder tun. Um das zu vermeiden, habe ich statt des Fernsehers einen Computer angeschafft, mit Modem und allem drum und dran. Ich surfe jetzt im Internet, auf der Suche nach etwas wirklich Interessanten. Aber diesmal habe ich vorgesorgt. Immer wenn ich surfe, liegt die abgesägte Schrotflinte gleich zur Hand.

© Titus Simon, Bonn 1996